Rezension: Gabriele Nicoleta – „Das Gift der Narzisse: Tochter einer narzisstischen Mutter – wenn eine Mutter ihr Kind seelisch vergiftet“

imageFakten:
Paperback, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag Berlin, erschienen 01.02.2016, 377 Seiten, 16,99€

Autorin
:
Gabriele Nicoleta wurde 1964 in Regensburg geboren als erstes von zwei Kindern. Nachdem ihre narzisstisch gestörte Mutter den Besuch eines Gymnasiums untersagte, arbeitete sie in verschiedenen Berufen, bis sie selbst jung eine eigene Familie gründete. Sie hat drei Kinder aus erster Ehe, ist bereits Oma und lebt mit ihrem zweiten Ehemann und der jüngsten Tochter in der Nähe von München, wo sie als freiberufliche Fotografin tätig ist.

Handlung:
Gabriele wurde Anfang der 60er Jahre als erstes von zwei Kindern junger Eltern geboren. Für ihre Mutter, die ihre Arbeit aufgeben und sich fortan um ihr Kind kümmern müsste, war Gabriele nun für alle Zeiten das Synonym für alles, was in deren Leben schief läuft und bekommt dies seit frühester Kindheit zu spüren. Der einige Jahre später geborene, jüngere Bruder wird dagegen hofiert wie ein kleiner Gott. Die Mutter genießt es von Herzen, ihre Tochter zu beobachten, zu verletzen, zu demütigen und bis ins Erwachsenenalter Machtmissbrauch auszuüben. Als Gabriele feststellen muss, dass dieser Machtmissbrauch sogar über den Tod der Mutter hinaus noch Auswirkungen auf ihr Leben und das ihrer Familie hat, beschließt sie, sich alles von der Seele zu schreiben …

Fazit:
Das Cover hat Ähnlichkeit mit dem Cover eines Krimis. Die feingliedrigen, etwas düster dargestellten Blumen (wohl Narzissen) haben etwas Bedrückendes aber zugleich Faszinierendes an sich – ebenso, wie diese wahre Lebensgeschichte ist.
Die 58 Kapitel haben eine sehr unterschiedliche Leselänge, neben den schonungslosen Berichten aus dem Leben der Autorin befinden sich im Anhang auch ein Literaturverzeichnis sowie Links zu Blogs von ebenfalls betroffenen Personen und zu fachlichen Seiten – davon leider wenig deutsche Seiten, was vielleicht Betroffene einmal anregen sollte, offener mit diesem Thema umzugehen.
Ich bin selbst Betroffene und habe seit ich denken kann unter meiner narzisstischen Mutter gelitten. Bevor ich mit der Lektüre des Buches begonnen habe, habe ich einige Zeit überlegt, was dieses Buch wohl mit meiner Psyche anstellen mag. Anhand der in der Zeit verstärkt aufgetretenen nächtlichen Alpträume habe ich gemerkt, dass ich meine eigene Geschichte doch immer noch nicht so aufgearbeitet habe, wie ich mir wünschen würde.
Die Lebensgeschichte von Gabriele Nicoleta ist sehr fesselnd und packend geschrieben – der Sprachstil sehr angenehm zu lesen – und ich hatte nur wenige Leseunterbrechungen. Ich fand es erschreckend, dass in den Köpfen narzisstischer Mütter offensichtlich überall das gleiche Basis-Schema existiert, mit dem sie vorgehen, um ihre Töchter zu demütigen, zu tyrannisieren und ihnen Schaden zuzufügen – und dann dabei noch Genugtuung und Macht empfinden. Viele Dinge, die in dem Buch geschildert sind, habe ich auch durchgemacht: Immer wieder die Aussage, ich sei ein Unfall gewesen; ich habe nie Anerkennung und Wertschätzung durch meine Mutter erfahren; konnte immer dabei zuschauen, wie meine beiden sehr viel älteren Brüder wie Götter behandelt wurden und jegliche Art von Zuwendungen – auch finanzieller Art – ausschließlich nur ihnen vorbehalten war; immer wenn ich versuchte, so zu sein, wie sie es sich wünschte, hat sie die Messlatte wieder höher gelegt, so dass ich ihr niemals etwas recht machen konnte; ich durfte kein Abitur machen und studieren, weil sie mir untersagte, dass ausgerechnet ich ihr länger auf der Tasche liege als nötig und bin in einen Beruf bei einem Arbeitgeber gedrängt worden, wo ich jahrzehntelang unglücklich war; ich habe keinerlei positive oder liebevolle Erinnerungen, dass sie sich mal besonders um mich gekümmert hat, wenn ich z. B. krank war; sie hat immer nur gefordert und zwar das, was sie selbst niemals bereit wäre zu geben; sie hat mir Freundschaften schlecht gemacht und versucht, mich zu isolieren; ich hatte keinerlei Privatsphäre; sie verbreitet (auch heute noch) Lügen über mich und mein Leben; sie manipuliert und sabotiert andere Menschen; sie versucht seit Jahrzehnten, andere Personen mit nicht existierenden Krankheiten emotional zu erpressen – und vieles  mehr, wie es auch in diesem Buch wiederzufinden ist.
Ich selbst habe – im Gegensatz zur Autorin – keine Kinder und bin da auch ganz froh drüber, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass auch meine Mutter diese gegen mich ausgespielt hätte, wie sie es auch mit meinen Geschwistern und meiner Nichte immer wieder geschafft hat.
Dies ist ein Punkt, den ich im Leben der Autorin nur sehr schwer nachvollziehen kann: Warum sie wirklich bis zum Tod der Mutter immer wieder und weiter versucht hat, Frieden mit ihrer Mutter zu schließen, was auch ihr eigenes Familienleben beeinträchtigt hat. Ich habe selbst viel zu spät den Kontakt zu meiner biologischen Familie abgebrochen – erst vor 6 J. mit 38 J. nach einem BurnOut und nach dem Tod meines Vaters. Obwohl das am Anfang sehr hart für mich war, weil meine Mutter mir ihre Abneigung gegen mich nur nochmal bestätigt hat mit dem Satz, dass sie ein schönes Leben mit ihren Söhnen hatte bis ich auf die Welt kam, habe ich beschlossen, dass ich nie wieder versuche, der Anerkennung meiner Mutter hinterherzulaufen. Seither bin ich frei von dieser seelischen Vergiftung, die zuvor mein Leben bestimmt hat, lebe überaus befreit und selbstständig, bin optimistischer, weniger ängstlich und habe nichts verloren, sondern enorm an Lebensqualität gewonnen. Die Suche nach einer Mutter, wie ich sowieso niemals haben werde, habe ich aufgegeben und mein eigenes Leben – unabhängig davon, ob es meiner biologischen Mutter passt – in die Hand genommen. Da die Kinder der Autorin bereits erwachsen genug waren, hätte man das Missverhalten der Großmutter durchaus thematisieren sollen.
Qualitativ ist dies ein sehr gutes Buch, das Betroffenen endlich eine Stimme gibt! Ich habe in der ersten Zeit, als ich mich mit dieser Thematik meines eigenen Lebens befasst habe, einiges an psychologischer Fachliteratur gelesen, aber ansonsten leider fast gar nichts gefunden von Menschen, die selbst betroffen sind. Offenbar handelt es sich bei seelischem Missbrauch durch die eigene Mutter um ein Tabu-Thema, vielleicht auch, weil es so subtil stattfindet und nicht greifbar und sichtbar ist und sich die Betroffenen eher sorgen müssen, nicht selbst als „Querschläger“ oder verrückt abgestempelt zu werden, weil diese narzisstischen Mütter oft zwei Gesichter zeigen: das öffentliche Gesicht, das jeden glauben lassen soll, was sie für eine gute Mutter ist, und das private, das ausschließlich dem betroffenen Kind gezeigt wird.
Im Zusammenhang mit meinem Leben bin ich sehr oft gefragt worden, was denn wäre, wenn meine Mutter sterben würde. Aber gestorben ist sie für mich eigentlich schon lange. Und bei einer Beerdigung wäre ich mir sicher, dass sie und ihr Lieblingssohn – ähnlich wie die Mutter der Autorin – sich eine besondere Inszenierung einfallen lassen würden, damit diese Stigmatisierung des nicht liebenswerten Kindes (wie auch im Buch beschrieben) ein Leben lang weiterhaften bleibt.
Ich kann allen Betroffenen raten, dieses Buch zu lesen, aber ohne zu erwarten, hieraus Ratschläge zu ziehen.
Von mir gibt es hierfür eine 4****-Leseempfehlung und einen Dank an die Autorin, die mit diesem Werk hoffentlich auch andere Betroffene ermutigen wird, mit ihrer Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit zu gehen.

Vielen Dank an die Autorin sowie Frau Bauer von der Pressestelle des Schwarzkopf & Schwarzkopf-Verlags für die angebotene Möglichkeit, dieses tolle Buch lesen und rezensieren zu dürfen!!!

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