Rezension: Hermien Stellmacher – „Cottage mit Kater“

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Fakten:
Taschenbuch, insel-Taschenbuch (it), erschienen: 06.07.2015, 256 Seiten, 8,99€ – auch als eBook erhältlich

Autorin:
Hermien Stellmacher wurde am 07.05.1959 in der niederländischen Universitätsstadt Leiden geboren und wuchs zunächst in Amsterdam auf. Im Alter von 15 Jahren zog sie mit ihren Eltern nach Deutschland ins fränkische Dorf Naila. Später studierte sie an der Hochschule für Grafik-Design in Würzburg und arbeitete danach in der Werbebranche sowie als Designerin beim Spielzeughersteller Sigikid. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Joachim Schultz gründete sie Ende der 1980er Jahre einen kleinen Verlag. Seit 1998 ist sie mit großem Erfolg als Kinder- und Jugendbuch-Illustratorin und -Autorin tätig; in der Tätigkeit ist besonders die erfolgreiche Kinderbuchreihe „Moritz Moppelpo“ zu erwähnen. Außerdem übte sie eine Lehrtätigkeit an einer Fachoberschule für Gestaltung aus. Unter dem Pseudonym Fanny Wagner schreibt sie seit 2012 lustige Frauen-Romane mit fränkischem Charme – 2012: „George Clooney, Tante Renate und ich“; 2013 – gemeinsam mit Co-Autorin Carolin Birk (alias Katharina Wieker): „Garantiert wechselhaft“ und 2014 die Fortsetzung davon „Überwiegend fabelhaft“. Hermien Stellmacher und lebt mit ihrem Mann und zwei Katern in der Fränkischen Schweiz.

Handlung:
Nora Beck, Ende 40, Krimiautorin aus Berlin, hat an einigen Schicksalsschlägen der letzten Jahre immer noch zu knabbern – u. a. der Demenz-Erkrankung ihrer Mutter und deren Tod und dann der Tatsache, von ihrem Partner in dieser schwierigen Lebenssituation verlassen worden zu sein. Dies waren auch die Gründe, warum sie bei ihrem Verlag den Abgabetermin für aktuelles Krimi-Manuskript immer weiter nach hinten verschoben hat. Da kommt das Angebot ihres Freundes Paul, der für eine Weile nach Kanada zu seinem neuem Lover zieht, gerade recht: Er bietet ihr an, sein Cottage in Cornwall zu hüten und sich dort zu erholen und in Ruhe die Arbeit an ihrem Kriminalroman zu beenden. Nora muss nicht lange überlegen, nimmt das Angebot freudig an und setzt ihre Vorsätze gleich in die Tat um. Auf einem Wanderausflug rettet sie einen kleinen Kater von einer Klippe, der fortan nicht mehr von ihrer Seite weicht – und das, obwohl Nora alles andere als eine Katzenliebhaberin ist. Doch schon bald kann sich Nora ein Leben ohne den kleinen Vierbeiner nicht mehr vorstellen. Der kleine Mann, den sie Smuggler nennt, stellt ihr ganzes Leben auf den Kopf, obwohl sie das eigentlich keinem Mann mehr zugestehen wollte. Und dann ist ja da auch noch Phil, der nette und hilfsbereite Nachbar von Paul, ein Kameramann aus Bochum – von Paul als ein wenig rau und merkwürdig angekündigt, der immer mehr Raum in Noras Gedanken einnimmt. Aber der ist doch ein Ex-Freund von Paul, oder hatte Nora da etwas falsch verstanden …?!

Fazit:
Das Cover zeigt ein sehr einladendes Cottage mit Reetdach unter blauem Himmel, vor türkisblauem Meer und grünen Hügeln – genauso wie man sich das Cottage im Buch vorstellt. Der Kater ist nur als Schattengraphik im Titel vertreten. Insgesamt ein sehr harmonisches, stimmiges Cover, das auf einen Urlaubsroman hindeutet.

Der Roman hat 256 Seiten (inkl. Danksagung) mit 24 Kapiteln von bester Leselänge und angenehm lesbarem Schriftbild. Der Schreibstil ist locker und leicht zu lesen. Lediglich die Zeitsprünge in die Vergangenheit sowie die Wechsel von der realen Erzählung in Noras Krimi haben mich manchmal ein wenig verwirrt und hätten ein wenig deutlicher gekennzeichnet sein können
Zu allererst ist mir beim Lesen die außergewöhnliche Begabung für die sehr plastische Beschreibung von Räumen und Orten durch die Autorin aufgefallen: Ohne jemals zuvor in Cornwall gewesen zu sein, konnte ich mir anhand der sehr detaillierten Beschreibungen genau vorstellen, wie es dort aussieht – und als ich mal eine Internet-Seite des Handlungsortes Cadgwith besucht habe, war ich verblüfft wie dicht der Ort in Wirklichkeit an meine Vorstellungen gelangt. Ebenso habe ich mich gefühlt, als beschrieben wird, wie Nora zum ersten Mal das Cottage von Paul betritt – das war irgendwie so, als würde man gemeinsam mit Nora (oder der Autorin) eine Führung durch das Cottage machen und alles mit eigenen Augen sehen: Die Einrichtung ist so exakt beschrieben, dass ich mich wahrscheinlich anhand dieser Beschreibungen selbst dort zurechtfinden könnte 😉
Hermien Stellmacher hat diesen Frauen-Roman erstmals nicht unter ihrem Pseudonym Fanny Wagner, sondern unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht, was auch richtig ist so: Der Name Fanny Wagner steht eher für die humorvollen, fränkischen Frauen-Romane, während dieser Roman sich auch mit sehr ernsten Themen befasst: Die Ü40-Generation, in der sich die „Kinder“ mit Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit der Eltern und dem damit verbundenen Rollenwechsel innerhalb der Familie auseinandersetzen müssen, Verlustängste, Panik-Attacken, Existenzsorgen, Albträume. Ich kann mich sehr gut mit Nora identifizieren, weil ich einige Dinge selbst erlebt habe: Der Ablauf einer Demenz-Erkrankung ist mir bestens geläufig: Auch mein Vater ist damals an Demenz erkrankt und 2009 an den Folgen der Erkrankung verstorben, nachdem er erst immer nur zeitweilig und dann irgendwann vollkommen in seiner eigenen, längst vergangenen Welt verschwunden ist und uns irgendwann nicht mehr erkannt hat. Die Diskussionen, ob längst verstorbene Angehörige wie Mutter oder Bruder den Demenzkranken besuchen oder er in die Schule muss, kenne ich ebenfalls – die Beratungsstelle für Angehörige von Demenzkranken hatte dazu die Patentlösung: „Bloß nicht versuchen vom Gegenteil zu überzeugen. Faustregel: Der Demenzkranke hat immer recht!“
Auch die Themen Panik-Attacken und Albträume sind mir vertraut, denn interessanterweise plagt mich seit vielen Jahren ein ähnlicher Prüfungsalbtraum wie Nora, den ich immer wieder in verschiedenen Varianten träume: Ich habe eine wichtige Prüfung und habe aufgrund meiner Zahlenphobie und Dyskalkulie als Thema ein mathematisches und einen totalen Black Out und fange erst in den letzten 5 Min. an, panisch noch ein paar Aufgaben zu lösen; Variante davon: ich habe meinen Taschenrechner vergessen oder meiner funktioniert nicht mehr. Oder: Ich habe die letzte Unterrichtsstunde vor der Prüfung verpasst und erreiche niemanden, der mir sagen kann, was ich für die Prüfung noch lernen muss. Oder: Die Prüfungseinladung erreicht mich erst am Prüfungstag und ich schaffe es nicht rechtzeitig zur Prüfung und werde nicht mehr zugelassen. Oder: Ich habe meinen Prüfungstermin und finde keinen Parkplatz und muss weit außerhalb parken. Und das waren noch längst nicht alle Varianten dieses Traums – eine Fachfrau hat mir verraten, dass das ein Hinweis auf Angst vor Kontrollverlust sei.
Hermien Stellmacher beweist in diesem Roman, dass sie über sehr langjährige und vielfältige Erfahrungen verfügt: Zum Einen natürlich als Autorin, denn dieser Roman gibt auch interessante Einblicke in das Leben eines Autors und räumt ein wenig mit der Romantik vom Schreiben auf: Autoren stehen oft unter Zeitdruck; sie sind an Vertragsbindungen geknebelt und Lektoren und Verlagen ausgeliefert; sie müssen nicht selten ihre eigenen Ideen opfern, um marktgerechter zu schreiben und haben Existenz-Sorgen, wenn die Ideen mal ausbleiben. Dieses Buch zeigt sehr interessante Insider-Aspekte aus dem Autoren-Leben auf.
Auch die jahrzehntelange Erfahrung als Katzenhalterin von Hermien Stellmacher wird in diesem Buch deutlich: Die Anekdoten über das Zusammenleben mit Katzen kann man in dieser Form nur niederschreiben, wenn man sie selbst erlebt hat 😉 – sowas kann man sich gar nicht ausdenken, das muss man selbst erlebt haben. Genau so wie in dem Buch beschrieben und manchmal sogar noch ein wenig schräger und verrückter gestaltet sich das Leben mit Katzen – jeder Katzenbesitzer kann da jeden Tag wieder eine neue Geschichte zu beisteuern und wird öfter als einmal genickt haben, wenn Kater Smuggler wieder irgendwas angestellt hat. Hermien Stellmacher, die auf Facebook auch in einem sehr regen Austausch mit ihren Leser(inne)n steht, hat auch dort mit ihrem ganz besonderen Humor schon die ein oder andere nächtliche Überraschung gepostet, die sie mit ihren Katern so erlebt hat und mir damit schon oft früh morgens ein Lächeln ins Gesicht gezaubert ❤
Trotz der in diesem Buch auch angesprochenen ernsteren Themen, kommt der Humor hier nicht zu kurz und macht das Buch mit seiner sympathischen, realistischen Protagonistin und den liebevoll entwickelten Nebencharakteren zu einer wunderbaren Urlaubs- bzw. Sommerlektüre, die sich leicht weglesen lässt und große Lust auf einen Urlaub in Cornwall macht! Ich hatte sehr angenehme Lesestunden, habe Smuggler sehr ins Herz geschlossen und gebe 5***** für diesen besonderen Roman, mit dem ich sehr viel Lesefreude hatte 🙂

Ganz lieben Dank an Hermien Stellmacher für die nette Überraschung ❤

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