Rezension: Anna Stein – „Fräulein Kubitschek pfeift auf die Liebe“

imageFakten:
Taschenbuch, Knaur, erschienen: 01.07.2015, 268 Seiten, 9,99€ – auch als eBook erhältlich.

Autorin:
Die Debüt-Autorin Anna Stein wurde 1975 in Hoyerswerda geboren, wo sie auch aufwuchs. Nach ihrem Studium bereiste sie erst einmal die halbe Welt – sie war Tellerwäscherin in einem Hostel in London, bereiste als Rucksacktouristin Lateinamerika und Asien, arbeitete als Freiwillige in Kambodscha und lebte eine Weile in ihrem Sehnsuchtsland Frankreich, wo sie in ländlicher Umgebung Oliven und Wein erntete und Ziegen hütete. Nach Ihrer Rückkehr nach Deutschland lebte sie zunächst in Berlin-Prenzlauer Berg, zog dann jedoch weiter nach Lichtenberg. Nach ihrer mehrjährigen Tätigkeit in der Werbe- und Medienbranche arbeitet sie derzeit für eine gemeinnützige Organisation im Bereich Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit. „Fräulein Kubitschek pfeift auf die Liebe“ ist ihr erster Roman, aber sicher nicht ihr letzter.

Handlung:
Das Haus in der Kehrbachstr. 5 in Prenzlauer Berg hat nur noch drei Mieter und die will der hinterhältige Vermieter Sattkowski auch noch mit allen Mitteln loswerden, bevor er es verkauft und es dann einer Luxussanierung zum Opfer fällt. Die 34jährige Charlotte Kubitschek, die als Verkäuferin an der Kasse im Pinkemann-Supermarkt arbeitet und von dort aus regelmäßig – bevorzugt bereits vergebene – Männer abschleppt, die sie zwar für eine Nacht in ihr Bett, aber niemals in ihr Herz und ihr Leben lässt; die 93jährige Elise Buffke, passionierte Pfeifenraucherin und Kirschlikörtrinkerin und von Charlotte nur „die fiese Elise“ genannt wegen ihrer bissigen Kommentare über Charlottes Liebesleben und Juri, ein gutmütiger russischer Ladenbesitzer, der im Ladenlokal im Erdgeschoss beherbergt ist. Bisher nur eher eine Zweckgemeinschaft, aber nun verbünden sich die Drei, die unterschiedlicher nicht sein könnten, gegen die stufenweise „Entmietung“ durch den bösen Vermieter und fahren ihre eigenen Waffen auf. Sattkowski hat sich zur Hilfe den netten Franzosen Arthur als Bauleiter geholt. Das Leben in der Kehrbachstr. gerät nun ziemlich aus den Fugen (im wahrsten Sinn des Wortes) und auch Charlottes raue Panzerfassade beginnt zu bröseln. Sie muss sogar feststellen, dass sie mit der alten Dame Elise Buffke eigentlich mehr verbindet als trennt – und nicht nur mit ihr …

Fazit:
Zunächst muss ich mal loswerden, dass mich dieses Buch irgendwie auf eine ganz besondere Weise berührt und ein wenig nachdenklich und melancholisch zurückgelassen hat, nachdem ich es ausgelesen hatte, daher habe ich mir auch ein paar Tage Zeit mit der Rezension gelassen – ist auch irgendwie schwer, das zu beschreiben …
Dieses Buch stand, seit ich es in der Droemer Knaur-Verlagsvorschau gesehen hatte, bereits auf meiner Wunschliste, weil mich das wunderschön gestaltete Cover mit der Berliner Skyline irgendwie gleich beeindruckt und in seinen Bann gezogen hat. Elemente aus dem Buch sind auf dem Cover wiedergegeben, so z. B. das Rennrad von Charlotte, die Berliner Skyline, der Titel, der in Form eines Graffitis seinen zentralen Platz hat und das Grau des Berliner Asphalts. Es ist super gelungen und passt zum etwas ungewöhnlichen Titel und zur etwas speziellen Story.
Die Geschichte wurde in einem sehr großzügigen, angenehm lesbaren Schriftbild gedruckt – 32 Kapitel auf 268 Seiten, was schon zeigt, dass die Kapitel teilweise recht kurz sind. Da jedes Kapitel – die Überschriften sind übrigens in ähnlicher Graffiti-Schrift wie der Titel auf dem Cover gedruckt – auf der rechten Seite beginnt, sind insgesamt 18 Seiten linksseitig nicht bedruckt, was das Buch ein wenig verkürzt.
Ich muss zugeben, dass mir die beiden Protagonistinnen Charlotte und Elise zu Beginn des Buches wenig sympathisch waren – eine alte und eine junge Kampfzicke sozusagen – anfangs noch weitaus mehr als nur ein generationsübergreifender Konflikt. Juri, der eher Nebencharakter ist und auch Arthur waren mir gleich ein bisschen mehr sympathisch.
Der Sprachstil ist teilweise ein wenig abgehackt bzw. kurz angebunden, was aber tatsächlich rauen Ur-Berliner Lokalkolorit wiedergibt. Die frechen Sprüche von Elise und Charlotte haben schon wieder einen gewissen Charme.
Charlotte hat sich irgendwie von ihrem gesamten Leben distanziert – von der Vergangenheit, die von familiären Problemen, Verlusten und Herzschmerz geprägt war – und von ihrer Zukunft, um das Ganze zu vermeiden bzw. gänzlich auszuschließen. Nachdem man als Leser dahin geführt wird, woher Charlottes Verhalten rührt, versteht man sie auch ein wenig besser und hätte ihr eigentlich etwas Besseres gewünscht, als sie jetzt hat.
Zum Ende der Story ging es ein wenig chaotisch zu und ich hatte zwei Stellen, an denen ich der Geschichte leider nicht mehr ganz folgen konnte.
Das Buch hat bei mir so viele Emotionen hervorgerufen: Wut auf den Vermieter, Besorgnis um die ältere Generation, die solchen Haien oft hilflos ausgeliefert ist, Verständnis und Mitleid hinsichtlich Charlottes Lebenserfahrung, Trauer, Verwirrung und hat mich total überrascht, weil ich erstmal nur mit einer frechen Berliner Geschichte gerechnet hatte, die vom Aufbegehren ein paar kleiner Mieter gegen einen mächtigen Vermieter erzählt – das ist zwar auch die Basis der Geschichte, die aber noch die ein oder andere Schlüsselsituation und damit einiges mehr bietet.
Von mir bekommt dieser außergewöhnliche Debüt-Roman eine 4****-Sterne Leseempfehlung – wer offen ist, für eine ganz besondere Geschichte und nicht nur auf einen Unterhaltungsroman aus ist, wird hier eine interessante Leseerfahrung machen. Bin gespannt, was von Anna Stein in Zukunft noch so kommt.

Herzlichen Dank an Frau Kessler von Droemer Knaur, die mich mit der Übersendung dieses Buches von meiner Wunschliste als Leseempfehlung des Verlages sehr angenehm überrascht hat :-)! Danke, dass ich diese Neuerscheinung lesen und rezensieren durfte!

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