Rezension: Lily Brett – „Immer noch New York“

imageFakten:
Hardcover (Einband), Suhrkamp, erschienen: 20.10.2014, 224 Seiten, 19,95€

Autorin:
Lily Brett, geboren am 05.09.1946 als Lilijahne Breitstein in einem Lager für „Displaced Persons“ im bayerischen Feldafing, ist das einzige Kind eines polnisch-jüdischen Elternpaares. Ihre Eltern heirateten in einem Ghetto in Lodz, wurden nach Auschwitz deportiert und dort getrennt und fanden sich erst nach einem Jahr wieder. Die kleine Familie immigrierte 1948 nach Australien, wo Lily Brett ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Mit 19 begann sie für ein Rock-Magazin zu schreiben und lebte u. a. in London. Sie interviewte Rock-Größen wie Mick Jagger, Janis Joplin und Jimi Hendrix. Seit mehr als 25 Jahren lebt sie nun in New York gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem australischen Maler David Rankin, mit dem sie drei mittlerweile erwachsene Kinder hat – einen Sohn und zwei Töchter hat. Auch ihre Tochter Jessica ist eine bekannte Künstlerin. In ihren Romanen verarbeitet Lily Brett immer wieder Autobiographisches.

Handlung:
Mit „Immer noch New York“ gibt Lily Brett nach dem bereits 2000 erschienenen Kolumnen-Band „New York“ mit ihrer ganz besonderen Sichtwiese erneut Einblicke in das Leben in New York und vor Allem auch in ihr eigenes Leben dort.

Fazit:
Auf dem Cover befindet sich eine New Yorker Straßenszene: Ein junges Paar sitzt vor dem Café Angelique im sommerlichen Greenwich Village auf einer Bank und lädt einen nahezu ein, sich in das New Yorker Leben zu begeben, so wie es eben in diesem Buch stattfindet.
Das Buch umfasst 224 Seiten, die in einem angenehm lesbaren Schriftbild gedruckt sind. Jedes der Kapitel ist in perfekter, teils sehr kurzer Leselänge verfasst und eignet sich ideal zum Zwischendurch-Lesen z. B. in der Bahn oder in der Mittagspause.
Ich muss zugeben – und das erwähne ich nicht zum ersten Mal im Rahmen von Rezensionen, dass ich ein absoluter Fan von Kolumnen-Büchern bin. Und ich bin, seit ich „Chuzpe“ gelesen habe, das zu einem meiner All-Time-Favourite-Bücher geworden ist und das ich immer sehr gerne weiterempfehle, begeistert von dem ganz besonderen Schreibstil von Lily Brett.
Auch bei „Immer noch New York“ hat es Lily Brett geschafft, mich nach wenigen Zeilen mit ihrer wunderbaren, manchmal etwas blumigen und doch irgendwie sachlichen Sprache zu fesseln – ich liebe es, wie sie mit Worten umgeht und in ihren Kurzgeschichten manchmal vom Kern der Geschichte abschweift und ihren trockenen Humor mit einfließen lässt. Dieses Buch ist wie das Treffen mit einer guten Freundin, die einen ein bisschen durch ihre Heimatstadt führt und die man z. B. begleiten darf zu ihrer russischen Pediküre, in ihr Lieblingscafé, zum Hellseher und zu ihrem Vater (diese kleinen Geschichten um Lily’s 98jährigen Vater mag ich besonders gerne; er hat auch die Roman-Vorlage für den Edek in „Chuzpe“ geliefert). Außerdem gibt sie u. a. Einblicke in ihr Familien- und Seelenleben, in ihren Beruf und das jüdische Leben in New York.
Das Einzige, was mich aber auch in „Chuzpe“ schon ein wenig genervt hat, war Lily Brett’s Drang nach Diäten, die diese zierliche Frau eigentlich gar nicht nötig hat. Sie berichtete in diesem Buch wieder davon, wie sie Diäten plant, und dass dies auch ein Bestandteil ihres erfolgreichen Romans „Lola Bensky“ sei. Dies ist für mich ein wenig befremdlich, wenn ich bedenke, dass ihre Eltern nur knapp den Holocaust überlebt und Hunger gelitten haben. Literarisch und vom Unterhaltungswert her macht dies aber nichts weiter aus.
Da ich schon selbst mehrfach in New York war, werde ich bei der nächsten Reise dorthin wahrscheinlich vieles mit anderen Augen und ein wenig aus dem Blickwinkel von Lily Brett betrachten. Umgekehrt liest man dieses Buch auch aus einer anderen Perspektive, wenn man schon einmal in New York war und die Orte und Eigenarten der New Yorker, die Lily Brett mit so viel Liebe zum Detail beschreibt, bereits live erlebt hat.
Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich den 1. Band hiervon, „New York“, der bereits 2000 im Original erschienen ist, auch noch lesen soll. Da ich selbst New York erst 2006 zum ersten Mal besucht habe, ist das New York, das vor dem 11. September 2001 existierte, für mich von einem ganz besonderen Mythos umgeben, den ich mir bewahren möchte.
„Immer noch New York“ ist ein sprachlich exzellenter Kurzgeschichten-Band, der sich perfekt lesen lässt und von mir 5 von 5 Sternen***** mit einer besonderen Leseempfehlung – ganz besonders für alle, die schon mal in New York waren und die, die noch unbedingt dorthin wollen 🙂

Ich danke hiermit von ganzem Herzen dem Suhrkamp-Verlag, die mir freundlicherweise dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben, dafür, dass ich dieses wundervolle Buch lesen und rezensieren durfte – es war großartig 🙂

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