Rezension: Johanna Friedrich – „Winterfeldtstraße 2. Stock“

imageFakten:
Hardcover (Einband), Verlag Marion von Schröder (Ullstein Buchverlage), erschienen: 30.09.2014, 413 Seiten, 19,99€

Autorin:
Die Hamburger Journalistin und Autorin Johanna Friedrich wuchs im süddeutschen Raum, Nahe Stuttgart, auf und absolvierte ihr Studium der Germanistik und Politik in Tübingen und Paris. Sie genießt es, Zeit in Bibliotheken zu verbringen und sich auf Zeitreise zu begeben, um dort Inspirationen für ihre Geschichten zu sammeln. Ebenso genießt sie die Nähe von Hamburg zu Berlin, wo sie ebenfalls privat viel Zeit verbringt.

Handlung:
Charlotte Berglas ist im 5. Monat schwanger, als die Polizei ihr mitteilt, dass man ihren Mann, den Fotografen Albert, als weiteres Selbstmordopfer seiner Zeit, tot aus dem Berliner Landwehrkanal geborgen hat. Für Charlotte bricht die Welt zusammen und sie verrennt sich in den Gedanken, dass Albert sie und das ungeborene Kind niemals im Stich gelassen hätte und ermordet worden sein muss. In Zeiten der Inflation relativ kurz nach dem 1. Weltkrieg lässt sich Charlotte in ihrer Verzweiflung von ihrem kleinkriminellen Bruder Gustav überreden, einige Zimmer ihrer großen Eigentumswohnung im 2. Stock in der Winterfeldtstraße in Schöneberg unterzuvermieten. Die Runde der illustren Mieter wird neben Gustav noch ergänzt von Gustav’s ebenso kleinkriminellen Freund Heinz Proske – genannt „der Lange“ – sowie der älteren, lesbischen Bardame Claire und dem geheimnisvollen Adligen Theo von Baumberg. Nach der Geburt ihrer kleinen Tochter Alice hegt Charlotte den Wunsch nach einer Selbstverwirklichung als Fotografin, was sich in den politischen Wirren im Berlin Mitte der 20er Jahre als ebenso schwierig erweist wie die Immunität gegen eine neue Liebe …

Fazit:
Die Cover-Gestaltung ist sehr gut gelungen und die Frau auf dem Titelbild gibt perfekt die Figur der Charlotte Berglas aus – exakt so, wie sie im Buch beschrieben wurde.
Die 413 Seiten sind auf insgesamt 39 Kapitel mit optimaler Leselänge eingeteilt.
Zuerst muss ich mal sagen, dass ich seit Ewigkeiten kein Buch mehr gelesen habe, das nicht in der Gegenwart spielt und ich am Anfang daher ein wenig skeptisch war, ob es mir gefallen wird.
Für mich gab es verschiedene Anreize dieses Buch unbedingt lesen zu wollen: 1.) Der Winterfeldt-Kiez ist unweit meines Wohnkiezes, eines unserer Lieblingsrestaurants ist dort und ich fahre jeden Tag parallel zur Winterfeldtstraße zur Arbeit und wieder zurück und kenne auch viele Ecken, die in dem Buch beschrieben wurden, wie sie heute sind. Am Fotostudio von Charlotte in der Bülowstr. 29 fahre ich ebenfalls täglich vorbei – das Haus existiert noch wie früher. 2.) Wenn man mich fragt, wohin ich gerne Zeitreise machen würde, habe ich immer geantwortet u. a. ins Berlin der 20er Jahre – und was eignet sich dafür besser, als ein solches Buch …?! und 3.) Wie ich erst beim Lesen des Buches festgestellt habe, handelt es sich hierbei auch um die Zeit, die meine Oma (Jahrgang 1899, gestorben 1979, aufgewachsen 80 km nördlich von Berlin, hat selbst 1924 ihre 1. Tochter geboren und war – trotz später 3 Kinder – weiterhin berufstätig  als Masseurin und Krankengymnastin in Berlin und Umland) bewusst als junge Frau erlebt haben muss und so konnte ich auch ein klein wenig über ihr Leben erfahren und das Buch hat mir Lust darauf gemacht vielleicht mal ein wenig Ahnenforschung zu betreiben.
Das Buch hat mich vom ersten Moment an gefesselt und nicht mehr losgelassen. Die Sprache ist normal und nicht gestelzt (wie man es evtl. für die damalige Zeit erwarten würde) und die Dialoge realistisch.
Die Autorin hat die mitwirkenden Charaktere mit viel Einfühlungsvermögen und Sachverstand über das Berlin der 20er Jahre entwickelt und hierfür sicherlich eine sehr aufwändige Recherche-Arbeit geleistet, die auch wahnsinnig spannend gewesen sein muss und um die ich die Autorin fast ein wenig beneide.
Charlotte ist für die damalige Zeit eine realistisch denkende, eigenständige Persönlichkeit, die sehr viel Stärke zeigt und in ihrer Zweck-Wohngemeinschaft nochmals über sich hinauswächst, nicht zuletzt auch durch die Unterstützung der Mitbewohnerin Claire, die durch ihre Reife und ihre Lebenserfahrung – auch, wenn sie selbst viel Kummer erlitten hat – eine mütterliche Beraterin für Charlotte ist. Für mich sind die Beiden die imposantesten Charaktere dieser Geschichte.
Das Buch hat bei mir das Bewusstsein dafür geschärft, dass die 20er Jahre nicht nur Glamour, Charleston und Lebensfreude waren, sondern dass sich in der pulsierenden Metropole Berlin eine ebenso pulsierende Parallelgesellschaft gebildet hat, die geprägt war von Inflation, Hungersnot, traumarisierten Soldaten, die im 1. Weltkrieg gedient haben, politisch enttäuschten Revoluzzern ebenso wie staatstreuem Gefolge – quasi menschliche Abgründe, die noch nicht ahnen konnten, dass sie sich zwischen zwei Weltkriegen befanden.
Lediglich am Ende habe ich ein wenig vermisst, z. B. wie im Abspann von Filmen die Einblendung „Und was dann noch geschah …“, ein Hinweis darauf, wie sich die Autorin das weitere Leben von Charlotte, Theo (aka Aaron), Alice, Claire und Gustav ausgedacht hätte, aber vielleicht bieten ihre Ideen dazu ja auch Potenzial für eine Fortsetzung dieses Romanes.
Ich fand den Schreibstil und Sprachstil des Buches ausgezeichnet und die Story mitreißend und sehr spannend präsentiert – meiner Meinung nach ein wirklich gutes und anspruchsvolles Buch – und gebe daher von 5 von 5 möglichen Sternen 🙂

Ein ganz großes Dankeschön an den Verlag Marion von Schröder in den Ullstein-Buchverlagen für die freundliche Überlassung dieses tollen Rezensionsexemplars und den netten Kontakt zum Verlag 🙂

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2 Kommentare zu “Rezension: Johanna Friedrich – „Winterfeldtstraße 2. Stock“

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