Rezension: Anja Goerz – „Der Osten ist ein Gefühl – Über die Mauer im Kopf“

IMG_1634Fakten:
Paperback, dtv premium, erschienen: 01.04.2014, 200 Seiten, 14,90€

Autorin:
Anja Goerz wurde am 22.04.1968 in Niebüll/Nordfriesland – in unmittelbarer Nähe zur wunderschönen Nordsee-Insel Sylt – geboren. Ihr künstlerisches Können bewies sie schon früh, indem sie eine Ausbildung zur Fotografin absolvierte. Aber anstatt hinter ein Objektiv zog es sie 1989 dann doch mehr hinter ein Mikrofon: Sie begann ein Hörfunk-Praktikum bei Radio Schleswig-Holstein in Kiel (R.S.H.), wo sie zur Redakteurin und Moderatorin ausgebildet wurde. Es folgten diverse Moderationsjobs bei verschiedene Radio-Sendern im Norden Deutschlands sowie 1998 eine leitende Position in der Abteilung Radio-Promotion und -Marketing bei SAT 1. Die Liebe zum Hörfunk blieb immer bestehen, so dass sie 2004 zurück zum Radio wechselte. Neben mehreren Sendungen im Radio Eins des RBB moderiert sie seit Januar 2014 auch beim Nordwestradio von Radio Bremen. Neben ihrer Tätigkeit als Hörfunkjournalistin ist sie eine erfolgreiche Autorin von Frauen-Romanen („Herz auf Sendung“, „Mein Leben in 80B“) und eBooks („Der Ball ist rosa“, ein Roman der sich zeitkritisch mit Homosexualität unter Profi-Fußballern auseinandersetzt – sowie „Liebe, Latex, Landlust“). Mit „Der Osten ist ein Gefühl – Über die Mauer im Kopf“ legte sie ihr erstes Sachbuch vor.

Handlung:
Auch nach 25 Jahren deutsch-deutscher Einheit gibt es im Kopf vieler Menschen  noch immer eine Mauer. Anja Goerz, die im Rahmen ihrer Rundfunkarbeit oft damit konfrontiert wurde, hat die diverse Personen und Persönlichkeiten ostdeutscher Herkunft für dieses Buch befragt, was ihrer Meinung nach typisch ostdeutsch ist, welche Erinnerungen sie an die Zeit vor der Wende nicht missen möchten und warum die deutsche Einheit mancherorts immer noch nicht „angekommen“ ist. Hier kommen sowohl Prominente zu Wort, aber auch ansonsten ein großer Querschnitt an Personen aus unterschiedlichsten Berufsschichten und verschiedensten Generationen.

Fazit:
Das Cover mit einer alten schwarz-weißen Familienfotografie von einem Ostsee-Urlaub, finde ich nicht so wahnsinnig gelungen – hier hätte ich mir irgendwie eher eine Collage mit typisch ostdeutschen Dingen vorstellen können (positiv wie negativ), aber das ist reine Geschmackssache. Das Buch hat zwar Taschenbuchformat, ist allerdings, um dem Preis von 14,90€ gerecht zu werden, sehr hochwertig aufgemacht: Doppel-Umschlag, Bebilderungen, hochwertiges Papier und eine sehr angenehme Gestaltung und ein harmonisches Zusammenspiel von Schrift-/Druckbild, Texten, Kapitellänge und Foto-Illustration, wodurch das Buch sehr angenehm und kurzweilig zu lesen ist. Da die Berichte in sich abgeschlossen sind, eignet sich das Buch ideal, um es zwischendurch bzw. nebenher neben einem weiteren Buch zu lesen. Ich habe ja schon öfter berichtet, dass ich sehr gerne Biographien und Erfahrungsberichte lese. Dadurch, dass dieses Buch gleich mehrere solche von ganz unterschiedlichen Personen in sich vereint, ist es umso interessanter. Anja Goerz hat mit viel Sachverstand und hohem Einfühlungsvermögen berühmte und nicht berühmte Persönlichkeiten mit ostdeutschem Background über ihre Vergangenheit, ihre Erinnerungen und ihr Leben vor und nach der Wendezeit befragt und teilweise überraschende und auch emotionale Statements erhalten. Leser, die keinen Bezug zur ehemaligen DDR haben, können hier noch viel über das Leben dort damals erfahren und können nach der Lektüre vielleicht auch das ein oder andere, was sie nur vom Hörensagen kennen, viel besser verstehen und einordnen. Einige Aussagen kann ich durchaus sehr gut nachvollziehen: Ich habe selbst DDR-Bezug, weil mein Vater aus Templin/Uckermark stammte, ich lange Zeit Brieffreundschaften dorthin hatte und 1988 und 1989 mehrfach bei Freunden und Verwandten dort zu Besuch sein durfte und dadurch auch viel über das Leben dort und die Sorgen und Nöte der Bevölkerung erfahren habe. Ich bin aber ehrlich gesagt sehr froh, dass ich genau zu jenem Zeitpunkt in der DDR sein durfte, wo ich schon die nötige geistige Reife hatte, um dort mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und für manche Dinge auch das entsprechende Verständnis aufbringen konnte. Ich weiß noch, dass mich damals sehr beeindruckt hat, dass dort ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl herrschte, wie ich es aus meiner westdeutschen Heimat überhaupt nicht kannte. Ebenso war ich äußerst beeindruckt davon, dass die Menschen (vor Allem, diejenigen, die nicht ausgereist sind und für bessere Lebensumstände auf die Straße demonstrieren gegangen sind)  immer versucht haben, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Ein weiterer Punkt, der in diesem Buch thematisiert wird, ist die Namensproblematik, denn den Generationen, die vor und nach der Wendezeit geboren wurden, erkennt man oft an ihre amerikanisch klingenden Namen, Namen aus Ländern, deren Besuch seinerzeit unmöglich war – sogenannte Sehnsuchtsnamen. Was ich immer sehr gut fand, ist, dass es im Osten Deutschlands immer vollkommen normal war, dass Mütter relativ kurze Zeit nach der Geburt wieder ihrem Beruf nachgegangen sind, weil die für die Betreuung der Kinder gesorgt war. Hier werden Mütter heute noch gerne als Rabenmütter bezeichnet, wenn sie Wunsch äußern, schnellstmöglich in ihren Beruf zurückzukehren, um den Anschluss nicht zu verlieren. Ich muss sagen, dass es den ostdeutschen Kindern, die ich kennengelernt habe, nicht geschadet hat, dass beide Elternteile berufstätig waren und die Kinder so früher selbstständig wurden. Es scheint immer noch ein bundesdeutsches Phänomen zu sein, dass es Frauen gibt, für die ein Kind oft der bewusste Ausstieg aus dem Arbeitsleben für die mindestens nächsten 18 Jahre oder gar den Rest ihres Lebens bedeutet. Dieses Buch hat mich auch an die Diskussionen erinnert, die ich selbst mit meinem Mann sehr häufig hatte – gerade in der letzten Zeit zum 25. Jahrestag der Maueröffnung: Ab wann ist es noch Ostalgie oder Erinnerungen an ein Vorleben in einer Zeit, die es so nie wieder geben wird und ab wann ist es Verherrlichung eines Unrechtsstaates?! Für mich war dieses Buch ganz toll zu lesen und ich empfehle es vor Allem Personen, die bisher nicht so viel über die ehem. DDR wissen, damit sie überhaupt mal ein Bild vom Leben dort damals bekommen und zwar direkt von Personen, die diese Leben dort selbst geführt haben. Wofür ich niemals Verständnis haben werde, ist jedoch die Ausländerfeindlichkeit, die im ehem. Osten Deutschlands noch so häufig vertreten ist – und zwar sehr häufig in der Generation der Anfang bis Mieter 80er Jahre Geborenen, die bei der Wende oft noch keine 10 Jahre alt waren! Mich hat die Aussage einer Bekannten seinerzeit sehr geschockt, dass sie in Berlin Stadtteile wie Kreuzberg aufgrund der hohen Ausländerdichte meidet, sich aber in Stadtteilen, in denen häufig Rechtsradikale demonstrieren, sehr sicher fühlt. Sowas finde ich unglaublich traurig. Die Einzige kleine Kritik die ich an diesem Buch habe, ist, dass vielleicht auch Westdeutsche (z. B. solche, die bis heute noch nicht in Ostdeutschland waren und immer noch den Begriff „Dunkeldeutschland“ benutzen) auch mal zu ihrer persönlichen „Mauer im Kopf“ hätten befragt werden sollen. Das ist nämlich ein Punkt, der mich genauso schockiert, dass Menschen über etwas urteilen, was sie gar nicht kennen. Die wissen meiner Meinung nach nicht, was ihnen alles entgeht. Von mir gibt es hierfür 5 von 5 Punkten und eine glatte Leseempfehlung 🙂

Ganz lieben Dank an den Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv), für die Überlassung dieses Rezensionsexemplars 🙂

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